65 Jahre Hopfenpflückmaschine

Wie die Mechanisierung den Hopfenanbau revolutionierte

Zur Hopfenernte 1956 wurde auf dem Barthhof in der Hallertau die erste in Deutschland gebaute Hopfenpflückmaschine nach englischer Lizenz aufgestellt – und beschleunigte damit einen Strukturwandel. Die Handpflücke gehörte bald danach der Vergangenheit an.

Jahrzehntelang prägten sie zur Erntezeit das Bild in den Hopfenanbaugebieten Hallertau, Spalt oder Tettnang: ganze Züge von Pflückern, die zum „Hopfenzupfen“ auf die Felder strömten. Oft waren Mütter mit Kindern darunter, denn man bekam für drei Wochen gutes Geld und konnte zudem seine Mahlzeiten auf den Höfen einnehmen.

In den 1950er Jahren änderte sich die Lage jedoch grundsätzlich, das Wirtschaftswunder wirkte sich gravierend auch auf den Hopfenanbau aus: Die Industrie benötigte dringend Produktionskräfte; die ehemaligen Hopfenpflücker fanden dort ihr festes Auskommen, geregelte Arbeits- und Urlaubszeiten – so lockte eine Reise nach Italien in den Sommerferien jetzt auch mehr als ein Ernteeinsatz.

Das alte System gerät an seine Grenzen

Bald suchten die Hopfenbauern händeringend nach Erntehelfern. Allein in der Hallertau wurde jährlich die stattliche Anzahl von 70.000 Hopfenzupfern gebraucht. Als diese mehr und mehr ausblieben, erhöhte man die Löhne und holte die Leute eigenständig mit Bussen von ihren Wohnorten ab. Manche Hopfenbauern spannten sich gegenseitig die Pflücker aus. Unter diesen Bedingungen konnte man die Ernte auf Dauer nicht mehr einbringen. Auch nicht auf dem Barthhof, einem Mustergut für Hopfenanbau in Wolnzach, das bis Ende der 1970er Jahre im Besitz der Familie Barth war. Es musste eine andere Lösung her.

In Fachzeitschriften für den Hopfenanbau las man von Hopfenpflückmaschinen im englischsprachigen Ausland, z.B. von der Bruff-Maschine aus England, die allein 700 Reben in der Stunde pflücken sollte. Die Hopfenernte wäre so innerhalb weniger Stunden getan, war zu erfahren. Hopfenpflanzer Leo Höfter ging als erster das Wagnis ein und ließ 1955 die Hopfenpflückmaschine Bruff aus England auf sein Gut in Neuhausen nahe Mainburg importieren.

Barthhof findet Lösung in der eigenen Heimat

Die Inhaber des Barthhofs inspizierten die Bruff-Maschine bei ihm und waren beeindruckt, schreckten allerdings vor den hohen Transport- und Zollkosten für diese riesigen Maschinen zurück. Eine Alternative wurde aber bald in der eigenen Heimat gefunden: Josef Scheibenbogen, Besitzer der gleichnamigen Maschinenbaufabrik in Landshut, hatte bei der englischen Firma Bruff die Lizenz zum Bau von Hopfenpflückmaschinen erworben.

Scheibenbogen kam mit dem Barthhof ins Geschäft, und 1956 unterschrieb die damalige Besitzerin Franziska Barth den Kaufvertrag mit dem Unternehmen. Die Firma verpflichtete sich, die erste nach englischer Lizenz in Deutschland gebaute Hopfenpflückmaschine bis zum 1. August 1956 zu liefern und zu montieren. Die Bruff-Maschine Typ B war zwar kleiner als das englische Vorbild, mit 23 Metern Länge und 8 Metern Höhe aber immer noch gewaltig.

Für die Aufstellung musste eigens eine neue Halle auf dem Barthhof errichtet werden. Anschaffung und Neubau machten Investitionen von 80.000 bis 90.000 D-Mark notwendig. Landwirte nahmen daher den Staat bei der Vergabe von verbilligten Anschaffungskrediten und der Gewährung steuerlicher Vergünstigungen in die Pflicht.

Aufbau zieht Schaulustige und Medien an

Die Inbetriebnahme der Bruff-Maschine auf dem Barthhof zur Hopfenernte 1956 war eine Sensation. Die Hallertauer kamen zur Begutachtung der Pflückmaschine herbei, der Bayerische Rundfunk berichtete. Franziska Barth ließ eigens einen Cartoon in ihr Gästebuch zeichnen, in dem die in die Maschine gegebenen Hopfenreben in Münzen zum Höchstpreis wieder herauskommen. Auf dem Barthhof und in der Hallertau ahnte man, dass ein denkwürdiges Ereignis stattgefunden hatte. Denn in den Folgejahren trat die Hopfenpflückmaschine ihren Siegeszug im Hopfenanbau an, technisch verbessert und ausgereifter.

Die Schnelligkeit der Veränderung lässt staunen – bereits 1964 wurden 95 Prozent der Hopfenernte maschinell eingebracht. Die Hopfenpflückmaschine war die größte und teuerste landwirtschaftliche Maschine seinerzeit, und sie veränderte den Hopfenanbau tiefgreifend. Zeitzeugen von damals geraten heute noch ins Schwärmen bei der Erinnerung an den Einzug der Kolosse in den landwirtschaftlichen Alltag.

 

Fotocredit: BarthHaas

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